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Montag, 18. Juni 2018

Wundermittel mit Breitbandwirkung?
Grundlagen der Psychomotorik

Renate Zimmer

Es hat sich mittlerweile in unserer Gesellschaft eingebürgert, daß wir für jedes Problem eine spezielle Therapie haben: bei Sprachschwierigkeiten, gegen Konzentrationsmangel, zur Behebung von Bewegungsauffälligkeiten, für das hyperaktive wie für das gehemmte und ängstliche Kind. Für jedes Abweichen vom Normalverhalten gibt es ein Programm, so wie es für jeden Schmerz das entsprechende Medikament gibt. Auch in sozialpädagogischen Einrichtungen ist dies nicht anders. Und mit einem Bereich verknüpfen sowohl ErzieherInnen als auch Eltern eine ähnliche Erwartungshaltung: gemeint ist die Psychomotorik. Aber, bei der Psychomotorik handelt es sich sicherlich nicht um ein Wundermittel mit Breitbandwirkung, das im großen Rundumschlag das Kind zum Funktionieren auf allen Ebenen bringen will.

Was ist Psychomotorik?

Oft sind es die rein äußeren Merkmale, von denen darauf geschlossen wird, ob ein Bewegungsangebot nun ein psychomotorisches ist oder nicht. So vermuten beispielsweise zwei Erzieherinnen in einem Gespräch: "Psychomotorik, das hat doch was mit diesen Pedalos und den bunten Rollbrettern zu tun. Ja, Psychomotorik machen wir auch, wir haben uns erst vor kurzem Rollbretter und ein Schwungtuch angeschafft. Ein anderes Beispiel dafür, was unter Psychomotorik verstanden wird: Zwei Studenten in einem Seminar zur Psychomotorik an der Universität stellen eine Übungseinheit zur psychomotorischen Praxis vor. Mit viel Engagement und schriftlich ausgearbeiteten Unterlagen beschreiben sie den Weg zum Pedalofahren, so wie es in den Methodikbüchern zur Vermittlung sportlicher Fertigkeiten nachzulesen ist. Als krönenden Höhepunkt führen sie zum Schluß einen Handstand auf dem Pedalo vor. Die beiden Beispiele zeigen, daß viele Leute glauben, wenn sie mit psychomotorischen Geräten arbeiten, genüge das. Aber erst, wenn diese in das Konzept der Psychomotorik eingebunden werden, ist beantwortet, was Psychomotorik ist, nämlich ein ganzheitliches Konzept zur Entwicklungsförderung durch Bewegung.

Zusammenwirken von Körper, Geist und Gefühlen

Die Psychomotorik orientiert sich an der Grundannahme, daß Persönlichkeitsentwicklung immer ein ganzheitlicher Prozeß ist: Psychische und physische Bereiche sind so miteinander verschränkt, daß jede Einwirkung auf einen Bereich der Persönlichkeit gleichzeitig auch Auswirkungen auf den anderen hat. Körper- und Bewegungserfahrungen sind daher immer auch Selbsterfahrungen. So sagen beispielsweise die körperliche Haltung oder die Art und Weise, wie man sich bewegt, einiges über den seelischen oder emotionalen Zustand aus, in dem sich die Person befindet. Auch bei Kindern ist dies so. Bewegungshandlungen beeinflussen nicht nur ihre körperlich-motorischen Fähigkeiten, gleichzeitig wirken sie sich auch auf ihre Einstellung zum eigenen Körper, auf das Bild von den eigenen Fähigkeiten, auf die Wahrnehmung der eigenen Person aus. Die körperlichen, seelischen, emotionalen und rationalen Vorgänge sind bei ihnen noch besonders eng miteinander verbunden, die Ganzheitlichkeit im Handeln und Erleben ist bei ihnen besonders stark ausgeprägt. Sie nehmen Sinneseindrücke mit dem ganzen Körper wahr, drücken ihre Gefühle in Bewegung aus. Sie reagieren auf äußere Spannungen mit körperlichem Unwohlsein und ebenso können freudige Bewegungserlebnisse zu einer körperlich wie psychisch empfundenen Gelöstheit führen. Man kann ihnen ihre Ganzheitlichkeit regelrecht ansehen: Sie freuen sich "bis in die Füße", spüren ihre Traurigkeit "im Bauch". Beobachtet man genau, können so Bewegungsäußerungen eines Kindes durchaus einen Zugang zu seiner Innenwelt eröffnen, uns Aufschluß geben über seine psychische Befindlichkeit, über Prozesse, die es unter Umständen sprachlich nicht ausdrücken kann oder will, die aber zum Verständnis seiner Probleme von wesentlicher Bedeutung sind. Dieses enge Zusammenspiel zwischen körperlichen Vorgängen und emotionalen bewirkt auch, daß über Bewegungsspiele eine Kontaktaufnahme erleichtert werden kann. Im Vergleich zu Erwachsenen reagiert das Kind auf Bewegungsangebote normalerweise unmittelbarer und spontaner, läßt sich leichter zu Aktivität anregen und zum Mitmachen herausfordern. Kindliche Entwicklung - so läßt sich zusammenfassend feststellen - ist also zugleich auch immer psychomotorische Entwicklung. Psychomotorische Erfahrungen sind Erfahrungen, die das Kind mit seinem Leib und seiner Seele, seiner ganzen Person macht. Streng genommen gibt es gar keine Bewegung ohne Beteiligung psychischer oder gefühlsmäßiger Prozesse. Der Ausdruck "psychomotorisch" kennzeichnet also die funktionelle Einheit psychischer und motorischer Vorgänge, die enge Verknüpfung des körperlich-motorischen mit dem geistig-seelischen Bereich. Unter dem Begriff "Psychomotorik" versteht man das Konzept der Entwicklungsförderung durch Bewegung, das zwar in der therapeutischen Arbeit mit behinderten Kindern entstanden ist, heute aber auch über diese Zielgruppe hinaus erfolgreich in Kindergärten, Schulen und heilpädagogischen Institutionen eingesetzt wird und zunehmend Verbreitung findet.

Zur Entwicklung der Psychomotorik

Geprägt hat die Psychomotorik vor allem Ernst J. Kiphard, der versuchte, in die Therapie behinderter, verhaltensauffälliger und entwicklungsgestörter Kinder Bewegung als therapeutisches Mittel zu integrieren. So entstand in der klinisch-heilpädagogischen Praxis die sogenannte "psychomotorische Übungsbehandlung". Zum ersten Mal wurde hier beispielsweise das Trampolin als ein bewegungs- und koordinationsschulendes Gerät eingesetzt und seine bewegungsdiagnostischen Möglichkeiten genutzt. Im Lauf der Zeit haben sich Anwendungsgebiete und Inhalte erweitert. Aufgrund der in der praktischen Arbeit mit Kindern beobachteten positiven Auswirkungen bewegungsorientierter Fördermaßnahmen auf die gesamte Entwicklung von Kindern wurde sie nicht nur rehabilitativ, sondern auch als Prävention eingesetzt. Bekannt wurde die Psychomotorik auch durch spezifische, die Wahrnehmung und das Gleichgewicht ansprechende Geräte wie Pedalos, Balancierkreisel und Rollbretter, die zunächst zur Förderung entwicklungs- und bewegungsauffälliger Kinder bestimmt waren, dann aber zunehmend auch in die Sport- und Bewegungserziehung integriert wurden. Aber: Die Verwendung eines Schwungtuches oder das Spiel mit einem Zeitlupenball machen ein Bewegungsangebot noch nicht zur psychomotorischen Erziehung. Zwar haben diese Materialien die Vielfalt der kindlichen Bewegungserlebnisse erheblich bereichert, viel wichtiger als der Einsatz bestimmter Geräte ist jedoch die Art und Weise, wie Kinder sie entdecken und mit ihnen umgehen können, in welchem Sinnzusammenhang die Bewegungsangebote für sie stehen, wie sie sich selbst im Umgang mit ihnen erleben. Heute findet die Psychomotorik in unterschiedlichen Handlungsfeldern Einsatz: In der Frühförderung und in Kindertagesstätten kann sie z.B. als Grundlage jeglicher Entwicklungsförderung gelten, in der Grund- und Sonderschule hat sie nicht nur den Sportunterricht verändert, sondern wird zunehmend auch fachübergreifend als Arbeitsprinzip verstanden.

Ziele und Inhalte der Psychomotorik

Während sich die Medizin in erster Linie auf die Behebung körperlich-muskulärer Störungen konzentriert und die psychotherapeutischen Verfahren vor allem auf das Seelenleben ausgerichtet sind, wendet sich die Psychomotorik an jene Überschneidungsbereiche, in denen die wechselseitge Beeinflussung von Bewegung, Wahrnehmung, Verhalten und Selbsterleben deutlich werden. Ziel psychomotorischer Förderung ist es, die Eigentätigkeit des Kindes zu fördern, es zum selbständigen Handeln anzuregen, durch Erfahrungen in der Gruppe zu einer Erweiterung seiner Handlungskompetenz und Kommunikationsfähigkeit beizutragen. Im Vordergrund stehen hierbei erlebnisorientierte Bewegungsangebote, die dem Kind die Möglichkeit geben, eine positive Beziehung zu seinem Körper und damit zu sich selbst aufzubauen, die seine Beziehung zu anderen fördern und durch die Erfahrung, selbst wirksam sein zu können, die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes unterstützen. Zu den Inhalten der Psychomotorik zählen

  • Körper- bzw. Selbsterfahrungen wie Wahrnehmung und Erleben des eigenen Körpers, Sinneserfahrungen, Erfahren der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten
  • Material-Erfahrungen wie sich mit den räumlichen und dinglichen Gegebenheiten der Umwelt auseinandersetzen, sich den Gesetzmäßigkeiten der Objekte anpassen bzw. sie sich passend machen, erkundendes und experimentelles Lernen über Bewegung
  • Sozialerfahrungen wie Kommunikation mit anderen über Bewegung,
  • Regelspiele mit selbst erstellten bzw. auf die Situation abgestimmten Spielregeln, Spielen mit- oder gegeneinander

Erlebnisreiche Bewegungsangebote zur Förderung der sinnlichen Wahrnehmung gehören zu den grundlegenden Inhalten psychomotorischer Erziehung. Wahrnehmungsförderung muß allerdings nicht die Form eines Funktionstrainings annehmen, im Sinne psychomotorischer Förderung sollte sie eher in erlebnisreiche Bewegungsangebote oder spannende Spielhandlungen eingebunden werden.

Motopädagogik und Psychomotorik - eine Begriffsklärung

Zu dem Begriff Psychomotorik gesellte sich im Lauf der Zeit der der "Motopädagogik. Zunächst schien er ihn zu ersetzen, heute werden jedoch beide gleichrangig, wenn auch nicht immer gleichbedeutend gebraucht. Der Begriff "Moto-pädagogik entstand im Zusammenhang mit der Professionalisierung der Psychomotorik. Die Erfolge, die die psychomotorische Förderung in der Praxis erzielte, führte zur Etablierung des Berufsfeldes von Motopäden und Motologen. So werden seit 1977 in einer Berufsfachschule für Bewegungstherapie Motopäden und seit 1986 an der Universität Marburg Diplom-Motologen ausgebildet. Im Zusammenhang mit der Konzeption dieses Aufbaustudiengangs wurde die "Motologie, das ist die Lehre von der Motorik als Grundlage der Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit des Menschen, ihrer Entwicklung, ihrer Störungen und deren Behandlung, als Oberbegriff eingeführt. Als Anwendungsbereiche gelten Motopädagogik und Mototherapie: Motopädagogik wird dabei als ganzheitlich orientiertes Konzept der Erziehung durch Wahrnehmung, Erleben und Bewegen verstanden, die Mototherapie gilt als "bewegungsorientierte Methode zur Behandlung von Auffälligkeiten, Retardierungen und Störungen im psychomotorischen Verhaltens- und Leistungsbereich (Schilling 1986, S. 728). Im Gegensatz zu den Bezeichnungen Motopädagogik und Mototherapie ist der Begriff Psychomotorik historisch gewachsener, international gebräuchlicher und letztlich inhaltlich auch klarer definiert. Er hat sich deswegen in der Vergangenheit wieder stärker durchgesetzt. D.h. daß auch eine Motopädin oder ein Motologe auf der Grundlage der Psychomotorik arbeiten.

[X] Dr. phil. Renate Zimmer, Professorin an der Universität Osnabrück, ist Sportlehrerin und Diplompädagogin. Sie ist bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen zur kindlichen Entwicklungsförderung und arbeitet selbst regelmäßig mit Kindern im vorschulischen Alter.

Literaturhinweise:

  • Beudels, Wolfgang u.a.: "das ist für mich ein Kinderspiel". Handbuch zur psychomotorischen Praxis. borgmann publishing, 6. Aufl. 1999
  • Herm, Sabine: Psychomotorische Spiele für Kleinstkinder in Krippen. Luchterhand, 10. Aufl. 1997
  • Kiphard Ernst J.: Motopädagogik. modernes lernen, 8. verb. und erw. Aufl. 1998
  • Regel, Gerhard / Wieland, Axel (Hrsg.): Psychomotorik im Kindergarten. Eine Arbeitshilfe von Erziehern für Erzieher. EBV 1984
  • Zimmer, Renate: Kreative Bewegungsspiele. Herder, 10. Aufl. 1998.
  • Dies.: Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung. Herder 1999a
  • Dies.: Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. Herder 1999b.

Gerd Detering

 
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Adresse: http://www.erzieherin-online.de/arbeitsfelder/hs/psychomotorik.php
Letzte inhaltliche Änderung: 24.02.2010

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