Gute heilpädagogische Arbeit auch ohne HP-Ausbildung

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Gute heilpädagogische Arbeit auch ohne HP-Ausbildung

Beitragvon Seelenfeuer » 12.10.2006 13:36

Hallo, ich (28 ) bin Erzieherin und arbeite seit mehr als 5 Jahren in einer integrativen Kindertagesstätte. Im Sommer 2005 entschloß ich mich, die berufsbegleitende Ausbildung zur Heilpädagogin zu machen, da ich im Sommer 2006 eine neue Integrativgruppe in unserer Einrichtung als Gruppenleitung übernehmen sollte (Umstrukturierung). Mein Träger war an mich heran getreten, weil er von meiner Arbeit, die ich bisher als Zweitkraft in der bereits bestehenden Integrativgruppe geleistet habe, überzeugt war.
Das erste Jahr der Ausbildung hab ich sehr gut hinter mich gebracht.
Wie angekündigt, übernahm ich dann im August die neue Gruppe. Diese sieht wie folgt aus: 9 Regelkinder, 6 Kinder mit einer Behinderung, davon 2 Kinder mit einer schwerstmehrfachen Behinderung. Alle Kinder mit Behinderung wurden neu in die Einrichtung aufgenommen. Im Gruppenteam: ich als Gruppenleitung, eine Erzieherin als Ergänzungskraft (51 Jahre, bisher keinerlei Kontakt zu Integration -obwohl seit 11 Jahren bereits eine Integrativgruppe zu unserer Einrichtung gehört-, bisher Teilzeitkraft mit 26 Wochenstd in einer Regelgruppe, nun Vollzeitkraft in der Integrativgruppe, mußte diese Stelle antreten, da sie alternativ sonst gekündigt worden wäre aufgrund eines in Kraft tretenden Sozialplans), eine Erzieherin als Einzelfallhilfe, die wir frisch aus dem Anerkennungsjahr übernommen haben (auch keinerlei Erfahrung im Integrativbereich). Dieses Team wurde auch neu zusammengestellt, hatte vorher noch nicht zusammen gearbeitet. Wahrscheinlich merkt man meiner Schreibweise schon an, dass ich diese Zusammenstellung mit großer Skepsis gesehen habe. Leider haben sich alle meine Befürchtungen auch erfüllt. Meine beide neuen Kolleginnen haben leider keinerlei Feingefühl für die Arbeit mit Kinder mit Behinderung. Zum größten Teil herrschen sogar defizitäre Ansichten.
Neben der Übernahme dieser neuen Gruppe lief ja auch meine Ausbildung weiter, es ging ins zweite Jahr. Doch schon sehr bald habe ich gemerkt, dass ich das gleichzeitig nicht tragen konnte. Ich kam nicht mehr zum Durchatmen, geschweige denn zum Kraft tanken. Tagsüber war ich Einzelkämpferin in der Kita, einmal in der Woche abends und jeden Sa drückte ich die Schulbank. Und das war es ja nicht allein; Klausuren, Hausarbeiten, Praktika, heilpäd. Förderung stand auch an.
Nach sehr intensiven Überlegungen entschloß ich mich, die Ausbildung für mich zu beenden, um mich voll und ganz auf meine Arbeit in der Kita konzentrieren zu können.
Meine Frage nun an euch: Kann gute heilpädagogische Arbeit auch ohne eine abgeschlossene Ausbildung zur Heilpädagogin gelingen? Ich für mich sehe dies so: Die Ausbildung hat mir ein gutes Hintergrundwissen vermittelt, auf das ich gern zurück greife. Die Haltung, die sich im Umgang mit Kindern mit und ohne Behinderung zeigt, trage ich in mir, und zwar schon seit vielen Jahren. Kann es gelingen, Fachwissen im Selbststudium zu erweitern? Kann ich meine Gruppe gut führen, indem ich Integration lebe und voll und ganz für diese Aufgabe da bin, anstatt mich zu überfordern durch die zusätzliche Belastung einer berufsbegleitenden Ausbildung?
Hat jemand vielleicht sogar ähnliche Erfahrungen gemacht? Über eure Ansichten und Meinungen dazu bin ich dankbar.

Viele Grüße
Seelenfeuer
 
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Beitragvon SvenjaIK » 14.01.2007 13:07

Hallo Seelenfeuer,

ich habe erst gerade dein Posting entdeckt, habe wohl Tomaten auf den Augen gehabt.... :roll:

Zuerst möchte ich dir mal schreiben, dass du nicht allein mit deiner Situation bist. Ich habe viel Kontakt zu Heilpädagoginnen, bin übrigens auch eine, die über ähnliche Probleme klagen. Das Zusammenspiel unter den Kolleginnen ist oft schwierig, dadurch, dass vielerorts 3 Betreuer in der Gruppe sind und manchmal sogar Konkurrenzgedanken aufkommen.

Es ist oft so, dass Mitarbeiter aus I-Gruppen keine Erfahrung mit Kindern mit Behinderungen haben. Da sind wir Fachkräfte wirklich gefordert hier zusätzlich Aufklärungsarbeit und Kontaktanbahnung zu leisten, das grenzt oftmals an Wahnsinn und ist nur schwer zu bewältigen.

Zu deiner Frage, ob man auch ohne HP-Ausbildung in der I-Gruppe arbeiten kann. Das kann man sicher und man kann sich auch Hintegrundwissen selbst aneignen. Bei uns in Niedersachsen ist es aber Bedingung, dass eine ausgebildete heilpädagogische Fachkraft in der I-Gruppe arbeitet, die sich dann im Schwerpunkt um die Belange der I-Kinder kümmert. Bei uns arbeiten eine Gruppenleitung, eine Zweitkraft und eine heilpädagogische Fachkraft in der Gruppe, die Stellen der Gruppenleitung und der Zweitkraft sollten zumindest mit Erzieherinnen besetzt sein. Unsere Zweitkraft hat an der VHS einen Zusatzkurs besucht, der für sie recht hilfreich war. Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass eine ausgebildete Fachkraft in der Gruppe ist, man hat doch ein anderes Hintergrundwissen.
Ich finde es für dich persönlich auch schade, dass du die Ausbildung nun beendet hast, denn du hattest ja schon ein ganzes Stück geschafft und nochmal fängt man das sicher nicht an, oder?

Nun ist dein Posting ja schon ein paar Tage älter, wie ist es denn jetzt?

Gruß Svenja
SvenjaIK
 

Beitragvon Seelenfeuer » 21.01.2007 17:42

Hallo Svenja,

schön, dass du auf mein Posting geantwortet hast. :)

Bei uns in NRW ist es nicht zwingend erforderlich, dass die Gruppenleitung einer Integrativgruppe auch eine heilpädagogische Ausbildung hat. Allerdings sehe ich es ähnlich wie du - generell ist es von Vorteil, wenn eine Fachkraft in der Gruppe arbeitet.
Wie ich in meinem ersten Posting ja schon beschrieben hatte, war es mir allerdings nicht möglich, zwei Hürden (Aufbau der neuen Gruppe und Ausbildung) gleichzeitig zu nehmen.

Mittlerweile sind ja einige Monate vergangen, und ich freue mich, sagen zu können, dass sich in meiner Gruppe einiges getan hat. Gerade was das Gruppenteam angeht, haben wir einen großen Schritt gemacht. Es fühlt sich so an, als seinen meine neuen Kolleginnen mehr und mehr in ihre Aufgabe herein gewachsen. Menschenbilder werden überdacht und neu entdeckt. Gleichzeitig haben sich auch die Kinder zu einer Gruppe zusammen gefunden.

Da wir insgesamt zwei Integrativgruppen haben, haben wir nun auch einen höheren Stellenschlüssel, gerade was die Therapeuten angeht. So arbeiten bei uns eine Sprachheilpädagogin mit voller Stelle sowie eine Motopädin und eine Physiotherapeutin mit jeweils einer halben Stelle.
Außerdem haben wir in den zwei Gruppen insgesamt drei Einzelfallhilfen (für drei Kinder mit einer schwerstmehrfachen Behinderung) sowie jeweils eine Gruppenleitung und eine Zweitkraft.
Das alles zu koordinieren, ist nicht immer leicht. Gerade gemeinsame Teambesprechungen stellen sich als eher schwierig dar. Daran nimmt dann übrigens auch noch unsere freigestellte Leitung teil.
Welche Erfahrungen hast du zu diesem Thema gemacht?

Was mich persönlich angeht, sieht es so aus, als würde ich im Sommer wieder in die HP - Ausbildung einsteigen. Einerseits merke ich selbst, wie sehr es mir fehlt, mehr Hintergrundwissen anzueignen und somit auch mehr agieren zu können. Andererseits ist auch mein Träger nochmals an mich heran getreten mit dem Wunsch, die Ausbildung doch wieder aufzunehmen. Ein geplantes Familienzentrum und eine evtl. Umstrukturierung in eine dritte Integrativgruppe stehen an, da macht sich eine Heilpädagogin im Team natürlich gut.
Während ich mich zwar sehr freue, dass ich wahrscheinlich wieder einsteige, habe ich auch gleichzeitig Sorgen darüber, dass ich die Doppelbelastung nicht schaffe. (Denn auch, wenn die Gruppe jetzt gut angelaufen ist: Wir haben ein recht großes Problem innerhalb des Teams, bei dem ich oftmals als Mittlerin da stehe - dies ist jedoch ein anderes Thema.)

Ja, so sieht es derzeit aus. Eine endgültige Entscheidung muss bis Ostern fallen, weil ich mich dann mit der Schule zwecks Wiedereinstieg in Verbindung setzen muss.

Viele Grüße,
Seelenfeuer
Seelenfeuer
 
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Beitragvon SvenjaIK » 21.01.2007 18:36

Hallo Seelenfeuer,

bei uns in Niedersachsen ist die Gruppenleitung nicht automatisch die heilpädagogische Fachkraft, das wird ganz klar getrennt. Es ist Standart, dass wir bei 18 Kindern mit 3 Betreuerinnen in der Gruppe sind.

Zu uns ins Haus kommt eine Logopädin für einen Vormittag und wir arbeiten mit einer Spieltherapeutin zusammen. Wir bieten ca. alle 3 Monate ein Therapeutentreffen an, bei dem sich das Gruppenteam, unsere Leitung, die Therapeuten und unsere Fachberaterin treffen. Öfter ist dieser Austausch nicht möglich, da es mit den Terminen nicht besser zu vereinbaren ist. Bislang kommen wir damit ganz gut zurecht.

Innerhalb der Integrationsgruppe haben wir alle 14 Tage 2 Stunden Gruppenbesprechung, in der wir uns austauschen können. Auch damit kommen wir gut zurecht.

Schön, dass sich auch deine Kolleginnen auf den Weg gemacht haben. Ich kenne es aus eigener Erfahrung, es ist nicht immer leicht, zumal wenn die anderen so gar kein Hintergrundwissen haben. Bei uns war es auch so:
Alle wollten eine Integrationsgruppe, nur das, was damit zusammenhängt wollte keiner! Insofern kam es da dann auch zu Spannungen. Jetzt nach 4,5 Jahren läuft es recht gut, wir haben einen Weg gefunden, dass es gut läuft.

Ich drücke dir die Daumen, dass es weiterhin so positiv bleibt!

Svenja
SvenjaIK
 


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