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Sonntag, 21. Oktober 2018

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Prävention ist bereits im Elementarbereich mehr als nötig, wie in folgendem Artikel nur allzu erschreckend deutlich wird! Wie gehen Sie, vor Ort und in Ihrer Einrichtung, mit solchen Erfahrungen um? Gibt es erprobte Projekte, oder Materialien, die Sie uns zur Veröffentlichung nennen möchten?

Beiträge bitte an: rechts@erzieherin-online.de

"Von klein auf gegen Rassismus"

Beitrag zur Tagung "Stärkung von Demokratie und Zivilcourage als Antwort der Jugendhilfe auf Extremismus und Gewalt" am 07.02.01 des LJA LWL
Projektbegriff: Notwendigkeit und Entwicklung trägerübergreifender Zusammenarbeit

Es (be)trifft jeden...

In einem Ortsteil der Stadt Bad Salzuflen wurde 1999/2000 ein neuer Kindergarten gebaut. Er wurde deshalb dort gebaut, weil die rechnerische Versorgungsquote bei unter 70% lag und somit ein Bedarf von ca. 100 zusätzlichen Plätzen bestand.

Bau und Trägerschaft des neuen Kindergartens übernahm die AWO, Bezirksverband Ostwestfalen. Anmeldungen zum Betriebsbeginn am 1. August konnten in einer benachbarten Einrichtung gemacht werden. Im Mai 2000 - rund 3 Monate vor der Eröffnung - waren knapp 60 Anmeldungen für die 70 neuen Plätze erfolgt. Zu einem informellen Elternabend für die Familien der angemeldeten Kinder wurde eingeladen.

An diesem gutbesuchten Elternabend waren etwa die Hälfte der anwesenden Familien ausländischer Herrkunft, insbesondere aus dem unmittelbaren Einzugsgebiet der Einrichtung. Zum Einzugsgebiet gehört ein neuerrichteter "Wohnpark" in dem auch heute noch vorwiegend kinderreiche Migrantenfamilien und Asylbewerber wohnen.
Zum Ende des oben genannten Elternabend ergriff ein Vater das Wort und erklärte, dass es unzumutbar sei, dass seine deutschen Kinder "mit so einem Pack" gemeinsam einen Kindergarten besuchen sollten. Daraufhin meldeten am gleichen Abend ebenfalls 8 deutsche Familien ihre Kinder wieder ab, weitere 10 deutsche Familien in der Folgezeit bis August.

Am 1. August startete die neue Einrichtung dann mit 42 Kindern, davon mehr als 30 Kinder ausländischer Herkunft. Inzwischen hat sich die Belegung auf mehr als 60 Kinder erhöht, allerdings davon über 60% nicht-deutscher Nationalität. In der 300 Meter entfernten Nachbareinrichtung - ein alteingesessener Kindergarten in kirchlicher Trägerschaft - liegt der Anteil ausländischer Kinder z.Z. um 10%.

Angesichts dieser Situation entstand in der Bevölkerung, aber auch unter Berufskollegen in den anderen Kindertagesstätten, die Ansicht, dass tatsächlich die neue Einrichtung der AWO für Kinder deutscher Familien unzumutbar sei, weil eben dort in überwiegenden Mehrzahl ausländische Kinder sind. Deshalb verzichtet ein grosser Teil der Eltern im Einzugsgebiet auf einen Kindergartenplatz oder suchte und sucht Plätze in Einrichtungen in anderen Einzugsbereichen im Stadtgebiet. Über die Situation in der Einrichtung selbst wurde z.B. über das gesamte Stadtgebiet kolportiert, dass die Spielgeräte im Keller verschlossen werden müssten, da sie sonst von den Migrantenkindern geklaut würden. Selbst sonst besonnene Fachkräfte trugen solche "Informationen" weiter, obgleich der neue Kindergarten an keiner Stelle unterkellert ist.

Die Ursache der Misere - die andauernde Unterbelegung der neuen Einrichtung trotz hohem Bedarf an Kindergartenplätzen im Einzugsgebiet, der Überbelegung der Nachbarschaftseinrichtungen mit z.T. ellenlangen Wartelisten - liegt also im öffentlichen Bewußtsein an den ausländischen Kindern bzw. dem Aufnahmeverhaltens des Trägers. Gutgemeinte Ratschläge liefen darauf hinaus z.B. den Anteil ausländischer Kinder zu quotieren oder doch zumindest eine "rein deutsche" Gruppe aufzumachen, in der deutsche Eltern ihre deutschen Kinder schicken könnten. Doch der Träger war zu keinem Zeitpunkt bereit den ausländischen Kindern im Einzugsbereich die Aufnahme aufgrund ihrer Herkunft zu verweigern.

Inzwischen herrscht ein breites, einvernehmliches "Verständnis" - auch und gerade unter den Beschäftigten der anderen Tageseinrichtungen für Kinder in Bad Salzuflen - für die Eltern vor, die es für "unzumutbar" halten ihre Kinder in dem neuen AWO-Kindergarten anzumelden.

Eine der elementaren Vereinfachungen des Rassismus ist, dass der andere gar nicht mehr differenziert wahrgenommen wird, sondern als eine Kategorie. Das Individuum wird nicht mehr für sich betrachtet. Rassismus legitimiert als Ideologie einen Ab- und Ausgrenzungsprozess nach äusseren Merkmalen. Dabei ist es unerheblich, ob sich dieser Prozess in der Forderung nach Beschränkung der Anzahl von ausländischen Kindern im Kindergarten artikuliert, oder in Form der "Verweigerung" bzw. des Verzichts auf interkulturelle Vielfalt Ausdruck findet. Der Projektionsmechanismus, der die eigene Vielfältigkeit schlicht ausblendet und nur auf die Unterschiede zum anderen eingeht, funktioniert auf vielfältige Weise, aber führt mit erstaunlicher Sicherheit immer zu der Schlußfolgerung, dass die anderen die Wurzel allen Übels seien.

Deshalb ist als Grundlage der oben kurz geschilderten "Misere" auch nicht der sicher aktuell überproportional hohe Anteil Kinder ausländischer Herkunft auszumachen, sondern ein latent vorhandener alltäglicher Rassismus.
Als gesellschaftliches Phänomen wird er erst zurückgehen, je mehr die Menschen einander als ihresgleichen betrachten und behandeln. Es bedarf dazu vor allem einer Schulung unseres Mitgefühls, der interkulturellen Fachlichkeit und Kenntnisse; der Solidarität untereinander.

Als öffentlicher Jugendhilfeträger ist es seitens des kommunalen Jugendamtes Aufgabe den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für alle Kinder zu gewährleisten und zu sichern. Dabei ist es selbstverständliche Verpflichtung diesen Anspruch weder nach Herrkunft, Staatsangehörigkeit, Hautfarbe oder Religion zu beschränken. Auch inhaltlich ist die interkulturelle Öffnung der Städtischen Tageseinrichtungen für Kinder z.B. in einem Leitbild entsprechend verankert.
Doch zeigt sich an dem Beispiel im geschilderten Versorgungsgebiet - in dem drei Tageseinrichtungen für Kinder unterschiedlicher Trägerschaft (AWO, Kirche, Stadt) bestehen - dass keine Einrichtung für sich alleine dieser gesellschaftlichen Verpflichtung gerecht werden kann. Weder ist die Situation in der neuen AWO-Kindertagesstätte, noch in den beiden anderen Einrichtungen, geeignet, die notwendige interkulturelle Öffnung und pädagogische Qualität zu gewährleisten.

Hier hat das zuständige Jugendamt nicht nur die Aufgabe, sondern den gesellschaftlichen Auftrag, ausgleichend - und in der Wirkung anti-rassistisch - tätig zu werden. Der Hebel dazu liegt in der Organisation tägerübergreifender Zusammenarbeit aller zum Versorgungsgebiet gehörender Tageseinrichtungen für Kinder. Z.B. die gemeinsamen Abstimmung der Anmeldelisten und des Aufnahmeverhaltens; oder die Durchführung gemeinsamer Fortbildungen und Projekte, ggf. bis hin zu ganz praktischen Kooperationsmöglichkeiten wie z.B. eines Einkaufs-Pools oder einer Bücher(austausch)börse.

Die trägerübergreifende Zusammenarbeit ist bei allen relevanten gesellschaftlichen Aufgaben, wie der gemeinsamen Bekämpfung von Extremismus, Rassismus und Gewalt, eine notwendige Voraussetzung um in und mit den Einrichtungen der Jugendhilfe Wirkung zu erzielen. Für Tageseinrichtungen für Kinder muss diese Zusammenarbeit ein herausgehobenes Qualitätsmerkmal werden - und zwar im Hinblick auf ihren eigenen pädagogischen Standart und Anspruch.

Eigentlich ergibt sich aus dieser Forderung an die Tageseinrichtungen für Kinder und die Qualität deren pädagogischen Arbeit schon von selbst auch die Aufforderung an die Träger ihre Kooperation zu verändern. Ob konfessionelle, kommunale oder freie Träger: die Stärkung von Demokratie und Zivilcourage - das Thema der heutigen Tagung - betrifft uns immer alle; Extremismus, Rassismus und Gewalt trifft uns immer alle. Unter Zurückstellung trägerspezifischer Interessen und Eigenarten können wir diese gesellschaftliche Herausforderung an die gesamte Jugendhilfe nur gemeinsam bewältigen.

Gerd Detering, Jugendamt Bad Salzuflen

(fo)

 
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Adresse: http://www.erzieherin-online.de/themen/rechts/elementarbereich.php
Letzte inhaltliche Änderung: 20.01.2004

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